Gasspeicher vor dem Winter: Warum 59 Prozent kein Notstand sind, aber ein Preisrisiko

Die deutschen Speicher sind so leer wie selten zu dieser Jahreszeit, das Füllziel für November ist außer Reichweite. Die Bundesnetzagentur sieht die Versorgung dennoch gesichert. Ein Blick auf Zahlen, Regeln und die Folgen für Verbraucher und Industrie.

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Rohrleitungen und Ventile einer Gasanlage auf einem nebligen Feld im Herbst

Drei Wochen vor dem Stichtag 1. November sind die deutschen Gasspeicher zu knapp 60 Prozent gefüllt. Nach Daten der europäischen Speicher-Transparenzplattform GIE AGSI lag der Füllstand am 6. Oktober bei 59,3 Prozent, 1,4 Prozentpunkte mehr als eine Woche zuvor. Nach einer Zusammenstellung der Allgäuer Zeitung auf Basis der europäischen Speicherdatenbank lag der Wert am Freitagmorgen bei 59,44 Prozent. Der europäische Durchschnitt betrug zur selben Zeit gut 73 Prozent.

Zum Vergleich: Am 1. November 2025 waren die deutschen Speicher zu 75 Prozent gefüllt, Anfang September 2024 sogar zu 95 Prozent. Der aktuelle Stand ist damit deutlich niedriger als in den Vorjahren zu diesem Zeitpunkt.

Das Füllziel ist verfehlt, und das war absehbar

Die Gasspeicherfüllstandsverordnung, gestützt auf § 35b Energiewirtschaftsgesetz, schreibt für den 1. November einen Mindestfüllstand von 80 Prozent für den überwiegenden Teil der Anlagen und 45 Prozent für einige ausgewählte Speicher vor. Gewichtet ergibt das nach Angaben des Branchenverbands BDEW einen deutschlandweiten Zielwert von rund 70 Prozent. Für den 1. Februar 2027 gilt eine Vorgabe von 30 Prozent; die Verordnung läuft Ende März 2027 aus.

Dass der November-Wert nicht erreicht wird, hatte Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller bereits Mitte September eingeräumt. Ein Füllstand von 80 Prozent sei bis zum 1. November nicht mehr erreichbar, sagte er laut Zeit Online dem Sender Phoenix. Damals lag der Füllstand bei 56 Prozent. Müller forderte die Händler auf, September und Oktober trotz hoher Preise zu nutzen, um mehr einzuspeichern. Rechnet man vom aktuellen Stand mit dem Tempo der vergangenen Woche weiter, kämen bis Anfang November nur noch wenige Prozentpunkte hinzu. Das ist eine Überschlagsrechnung; die tatsächliche Einspeisung hängt von Preisen und Wetter ab.

Warum die Händler zögern

Der Grund für die Zurückhaltung liegt im Markt. Speichern lohnt sich für Händler vor allem dann, wenn Gas beim Einspeichern deutlich billiger ist als im Winter. Wegen der hohen Weltmarktpreise infolge des Iran-Kriegs und der Sperrung der Straße von Hormus sind Import und Speicherung für Händler derzeit nicht attraktiv, berichtete Zeit Online im September. Am 6. Oktober kostete eine Megawattstunde zur Lieferung im November laut einem Marktbericht 75 Euro. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat laut Zeit Online angekündigt, mit sogenannten Long Term Options und höheren Einspeicherungen bei Uniper und Sefe Anreize zu setzen. Einen staatlichen Gaseinkauf wie 2022 lehnt sie ab.

Was die Bundesnetzagentur sagt

Die Behörde bewertet die Lage in ihrem laufenden Lagebericht als stabil. Die Versorgungssicherheit sei gewährleistet, die Gefahr einer angespannten Versorgung gering. Sie nehme die niedrigen Füllstände aber „sehr ernst“ und richte den Blick besonders auf die Vorgabe von 30 Prozent zum 1. Februar 2027. Speicher seien nur ein Baustein. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Pipelineimporten, LNG, Infrastruktur und Nachfrage. Seit Juli 2025 gilt nicht mehr die Alarmstufe, sondern die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas.

Für diese Einschätzung spricht, dass sich die Infrastruktur seit 2022 verändert hat. Deutschland verfügt laut Müller über vier eigene Flüssiggasterminals und kann Gas aus Norwegen, Belgien, den Niederlanden und Frankreich beziehen. Nach Angaben des BDEW stammten 2025 rund 45 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases aus norwegischen Pipelines. Der Anteil der deutschen LNG-Terminals stieg von rund 9 Prozent im Jahr 2025 auf 12 Prozent im Zeitraum Januar bis August 2026. Zudem lag der Verbrauch 2025 rund 11 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021.

Wo das Risiko tatsächlich liegt

Der eigentliche Engpass ist weniger die Menge im Normalfall als der Puffer für den Ernstfall. Volle Speicher können den deutschen Bedarf nach der genannten Zusammenstellung der Allgäuer Zeitung etwa zwei bis drei kalte Wintermonate lang decken. Mit einem Füllstand von rund 60 Prozent startet Deutschland mit deutlich weniger Reserve in die Heizperiode. Ein langer, kalter Winter oder zusätzliche Lieferstörungen würden die Abhängigkeit von LNG-Lieferungen zu Weltmarktpreisen erhöhen.

Für Verbraucher ist das vor allem eine Preisfrage. Wie schnell höhere Großhandelspreise bei Haushalten ankommen, hängt laut Bundesnetzagentur von der Dauer des Konflikts, der Beschaffung der Lieferanten und den Verträgen ab.

Für Anleger betrifft das Thema vor allem zwei Gruppen. Die energieintensive Industrie, deren Produktion nach Destatis-Daten im Dreimonatsvergleich bereits um 2,9 Prozent gesunken ist, reagiert empfindlich auf jede neue Preisspitze. Versorger und Gashändler dagegen stehen vor der Frage, wie viel Risiko sie mit teurer Ware in einen ungewissen Winter tragen. Eine Versorgungskrise ist aus heutiger Sicht nicht das wahrscheinliche Szenario. Ein Winter mit hohen und schwankenden Gaspreisen ist es eher.